Warum ich den Begriff Vibe Coding nicht mag und Agentic Engineering bevorzuge

Anfang 2025 prägte Andrej Karpathy den Begriff Vibe Coding. Was als lockerer Kommentar gemeint war, wurde über Nacht zum Buzzword auf LinkedIn, X und in den Massenmedien. Plötzlich schien es, als könne jeder Software entwickeln. Ich sehe das anders und bevorzuge den Begriff Agentic Engineering. Hier erkläre ich, warum.

Ein Begriff, der die Runde machte

Anfang Februar 2025 veröffentlichte Andrej Karpathy, einer der bekanntesten KI-Forscher weltweit, einen Post auf X, der das Internet im Sturm eroberte:

There's a new kind of coding I call "vibe coding", where you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists. It's possible because the LLMs (e.g. Cursor Composer w Sonnet) are getting too good. Also I just talk to Composer with SuperWhisper so I barely even touch the keyboard.

I ask for the dumbest things like "decrease the padding on the sidebar by half" because I'm too lazy to find it. I "Accept All" always, I don't read the diffs anymore. When I get error messages I just copy paste them in with no comment, usually that fixes it. The code grows beyond my usual comprehension, I'd have to really read through it for a while. Sometimes the LLMs can't fix a bug so I just work around it or ask for random changes until it goes away.

It's not too bad for throwaway weekend projects, but still quite amusing. I'm building a project or webapp, but it's not really coding — I just see stuff, say stuff, run stuff, and copy paste stuff, and it mostly works.

Andrej Karpathy, 6. Februar 2025

Der Post wurde über 4,5 Millionen Mal angesehen. LinkedIn, X und die Massenmedien griffen den Begriff auf. Plötzlich entstand der Eindruck: Jeder kann jetzt Software bauen. Einfach ein bisschen mit der KI plaudern, und fertig ist die App.

Was auffällt: Karpathy selbst spricht von "throwaway weekend projects" und sagt explizit "it's not really coding". Er meinte es als amüsante Beobachtung, nicht als ernsthaftes Paradigma für professionelle Softwareentwicklung. Doch genau das wurde daraus.

Das stimmt teilweise. Und gleichzeitig stimmt es überhaupt nicht.

Warum ich Agentic Engineering bevorzuge

Ich bevorzuge den Begriff Agentic Engineering, oder präziser: Agentic Software Engineering. Der Grund liegt im Wort Engineering selbst.

Engineering ist ein jahrhundertealtes Handwerk. Es bedeutet, ein Problem kalkuliert, kontrolliert und determiniert anzugehen. Es bedeutet, ein Problem wirklich zu verstehen, den Fokus auf die Lösung zu legen, das Problem in kleinere Teilprobleme zu zerlegen und nicht nur das Problem zu verstehen, sondern auch die Werkzeuge, die man braucht, um die finale Lösung zu bauen.

Das ist das Gegenteil von "Vibes".

Was Agentic Engineering wirklich bedeutet

Agentic Engineering ist nicht einfach ein Chat mit einer KI. Es ist ein ganzes Ökosystem aus technischen Ansätzen, Systemen und Verständnis, das zusammenwirken muss, damit professionelle Software entsteht.

Konkret umfasst das:

Ein tiefes Verständnis der KI-Modelle. Welches Modell setze ich ein? Wo liegen seine Stärken, wo seine Grenzen? Ein guter Agentic Engineer kennt die Fähigkeiten und Einschränkungen seiner Werkzeuge genau.

Spec-Driven Development. Es gibt nicht den einen Weg. Manchmal ist es tatsächlich ein explorativer Dialog mit der KI, fast schon im Vibe-Coding-Stil. Aber oft braucht es eine durchdachte Spezifikation, ein strukturiertes Dokument, das beschreibt, was gebaut werden soll, bevor die erste Zeile Code entsteht.

Rigoroses Testing und Code Review. Professionelle Software braucht automatisierte Tests, die sicherstellen, dass der generierte Code tut, was er soll. Das gilt für KI-generierten Code genauso wie für manuell geschriebenen, vielleicht sogar noch mehr. Dazu gehört ein klarer Prozess: Wie kommt generierter Code ins Git-Repository? Wann reviewt die KI, wann der Mensch? Nicht jede Zeile Code hat die gleiche Kritikalität. Ein Update einer Tailwind-Klasse, um die Farbe eines Buttons zu ändern, ist weniger kritisch als ein Service-Layer, der eine komplexe Berechnung abstrahiert und bei einem Fehler die gesamte Applikation zum Absturz bringen kann.

Betrieb und Wartbarkeit. Agentic Engineering endet nicht beim Code. Es umfasst auch die Frage: Wie mache ich die Software monitorbar? Wie deploybar? Wie flexibel, modular, erweiterbar und letztlich wartbar?

Code für Menschen und Agenten. Das ist neu und spannend: Wir schreiben Code heute nicht mehr nur für Menschen, sondern auch für KI-Agenten. Wenn die Software in Zukunft erweitert wird, muss ein Agent schnell verstehen können, wo er sich im Code befindet und wie alles zusammenhängt. Das verändert, wie wir Code strukturieren und dokumentieren.

Mehr als Code generieren

Agentic Engineering ist also nicht nur das Erstellen von Code. Es ist der Aufbau eines gesamten Ökosystems und der Orchestrierungsschichten, die nötig sind, um professionelle, grossartige Software zu bauen.

Das ist keine einfache Aufgabe. Deshalb investieren wir bei NETNODE stark in diesen Bereich und schulen unser gesamtes Team, um mit diesen neuen Werkzeugen zu arbeiten.

Aber: Vibe Coding ist gekommen, um zu bleiben

Das heisst nicht, dass Vibe Coding keinen Platz hat. Im Gegenteil: Vibe Coding hat seine Berechtigung und eine vielversprechende Zukunft.

Ich sehe grosses Potenzial für Vibe Coding im Bereich Personal Software. Stellen Sie sich vor: Jeder Mensch kann sich eigene, massgeschneiderte Software-Tools erstellen, die auf dem eigenen Computer oder in der Cloud laufen und echten Mehrwert im Alltag bringen. Das passiert bereits jetzt. Viele Menschen bauen sich kleine, individuelle Helfer-Tools, und das ist grossartig.

Auch für alltägliche Projekte ist Vibe Coding ein Segen. Eine Website für Ihre Hochzeit? Für den Geburtstag Ihres besten Freundes? Für Ihren lokalen Verein? Vibe Coding ermöglicht es, solche Lösungen schnell und kostengünstig zu erstellen. Das ist wirklich fantastisch und demokratisiert das Erstellen von digitalen Erlebnissen.

Vibe Coding als Kommunikationswerkzeug

Es gibt noch einen Aspekt, den ich besonders schätze: Vibe Coding hilft Menschen, ihre Ideen greifbar zu machen. Anstatt eine PowerPoint-Präsentation zu erstellen, einen visuellen Prototypen zu zeichnen oder lange Texte zu verfassen, kann man eine potenzielle Lösung einfach "vibe-coden". Wie soll es aussehen? Wie soll es sich anfühlen?

Ein konkretes Beispiel aus unserem Alltag: Für einen Kunden wollten wir eine neue Interaktion vorschlagen. Das Problem: Aus einer Liste heraus sollte man eine Vorschau des Inhalts sehen können, ohne dass ein Overlay aufpoppt oder man auf eine Detailseite abspringen muss. Unsere Idee war eine interaktive Sidebar. Früher hätten wir das in Figma gestaltet und dem Kunden als statisches Bild gezeigt. Diesmal haben wir die Interaktion gleich in mehreren Varianten als funktionierenden Prototypen umgesetzt. Dadurch konnten wir dem Kunden die Grundidee des Quick-Previews interaktiv aufzeigen und gleichzeitig verschiedene Nuancen demonstrieren. Der Kunde konnte die Lösung anfassen, nicht nur anschauen.

Das hilft uns als Agentur enorm, besser zu verstehen, was eine Software werden soll. Und es hilft unseren Kunden, bessere Entscheidungen zu treffen, weil sie das Ergebnis erleben statt es sich vorzustellen.

Aber, und das ist entscheidend: Ein solcher Prototyp ist weit entfernt von produktionsreifer Software. Er hat seine Rolle und sein Potenzial als Kommunikations- und Ideenwerkzeug, aber er ist nicht das finale Produkt.

Wo die Grenze liegt

Wenn Sie ein Softwaresystem bauen wollen, das auf Hunderttausende von Nutzern skaliert, das wichtige und kritische Daten verarbeitet und auf kritischer Infrastruktur läuft, dann empfehle ich dringend, nicht den Vibe-Coding-Weg zu gehen. Hier braucht es Agentic Engineering.

Warum nicht einfach beim bewährten Ansatz bleiben?

Kritische Stimmen könnten fragen: Warum überhaupt den Agentic-Engineering-Weg gehen? Warum nicht beim bewährten, rein menschengetriebenen Ansatz bleiben, mit deterministischen Prozessen und vollständiger menschlicher Kontrolle bei kritischer Software?

Das ist eine berechtigte Frage. Und je nach Kontext würde ich tatsächlich empfehlen, nicht blindlings den Agentic-Weg einzuschlagen.

Aber betrachten wir die Realität: Auch vor KI und LLMs hatte ein modernes Softwareentwicklungsteam bereits umfangreiche Automatisierungen im Einsatz. CI/CD-Pipelines, automatisierte Tests, Linting, Code-Generierung. Was also unterscheidet Agentic Engineering von einem bereits hochautomatisierten Team?

Ein komplett neuer Ansatz für Produktentwicklung

Agentic Engineering ist nicht einfach eine weitere Automatisierungsschicht. Es ist ein fundamental anderer Ansatz, Produkte zu entwickeln. Es geht nicht nur darum, eine einzelne Zeile Code mit KI-Unterstützung zu schreiben, das wäre bloss ein KI-Assistent. Es geht darum, vollständige Produkte von Null auf Hundert in Rekordzeit zu entwickeln.

Natürlich ist "von Null auf Hundert" in der Praxis nicht ganz realistisch. Aber allein die Fähigkeit, Tausende Zeilen Code in kurzer Zeit zu generieren, ist eine neue Art, Softwaresysteme zu bauen. Und wir müssen unsere Engineering-Prozesse daran anpassen. Wir müssen die Geschwindigkeit akzeptieren, mit der Softwarelösungen heute entstehen können.

Über Software hinaus denken

Wenn man Agentic Engineering aus einer höheren Perspektive betrachtet, geht es nicht nur um Software Engineering, sondern um Product Engineering oder sogar Business Engineering. Agentic Software Engineering lässt sich mit anderen agentischen Ansätzen kombinieren: KI-gestützte Verbesserung von Texten und Inhalten nach definierten Regeln, automatisierte Marktforschung in Echtzeit, die nicht nur die Software selbst verändert, sondern auch die Daten, die ein- und ausfliessen.

So entsteht ein neues Paradigma im Produktbau. Und der kritischste Teil bleibt der Software-Code, der die Prozesse und Datenflüsse verwaltet.

Was sich nicht verändert hat

Wenn wir diesen Ansatz nicht adaptieren, verlieren wir Geschwindigkeit, Potenzial und den Mehrwert, den diese neue Arbeitsweise ermöglicht.

Aber eine Fähigkeit bleibt dabei essenziell: zu erkennen, wann wir die kritischen Teile selbst schreiben müssen. Wann wir wirklich reviewen, testen und gründlich sicherstellen müssen, dass die Software so funktioniert, wie sie soll.

Das hat sich nicht verändert. Und das wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft nie ändern.

Von Vibe Coding zu Agentic Engineering

Vibe Coding hat eine wichtige Tür aufgestossen. Es hat gezeigt, dass die Interaktion zwischen Mensch und Maschine beim Erstellen von Software eine neue Qualität erreicht hat. Aber wer durch diese Tür geht und professionelle Software bauen will, braucht mehr als Vibes.

Ich glaube, dass Vibe Coding sich zu Agentic Engineering weiterentwickelt hat. Und ich bin begeistert davon. Software zu bauen, die einen positiven Einfluss auf die Welt hat, war noch nie so zugänglich wie heute. Aber es ist nicht das, was Vibe Coding uns verkaufen will. Softwareentwicklung ist und bleibt ein Handwerk. Es ist einfacher geworden, ja. Aber mit grosser Macht kommt auch grosse Verantwortung.

Wenn sich Agentic Engineering als neuer Standard durchsetzt, bin ich froh, in dieser Zeit zu leben. Denn die Möglichkeiten, die sich uns eröffnen, sind aussergewöhnlich.

Karpathy hat Recht: Es war noch nie so einfach, Software zu bauen. Aber einfach ist nicht dasselbe wie gut. Dafür braucht es Engineering.

Lassen Sie uns darüber sprechen

Sie möchten wissen, wie Agentic Engineering Ihr nächstes Softwareprojekt voranbringen kann? Wir beraten Sie gerne. Das erste Gespräch ist immer kostenlos.

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Lukas Fischer

Lukas Fischer

CEO/Gründer & Digital Consultant

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17. Februar 2026

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